Rede von Br. Willibrord Böttges zur Eröffnung der Einzelausstellung von Sarah Husmann "Ins Licht – eine malerische Reise" am 21. August 2022 im Kloster Nütschau, Travenbrück
Sie kennen das vielleicht. Sie gehen spazieren oder Sie wandern und plötzlich bleiben Sie stehen, weil Sie tief im Inneren angerührt sind. Die Schönheit der Natur berührt Ihre Seele unmittelbar. Es ist etwas wie ein Zauber, ein wortloses Staunen, ein Staunen, manchmal verbunden mit unerklärlicher Wehmut. Die Zeit bleibt stehen. Alles offenbart sich im Augenblick.
Oder ich höre das Klarinettenquintett von Mozart. Beim 2. Satz Larghetto werde ich berührt von wunderbarer Zärtlichkeit. Die Klarinette spricht mir Trost zu. Sie erreicht mich in meiner Wesensmitte. Sie weckt mich auf, führt mich ins Leben – behutsam, voller Verständnis für den Schmerz. Es ist Süße, aber immer Klarheit, Ermutigung zum Weitergehen.
Mit Rilke Gedichten geht es mir ähnlich. Sie sprechen meine Mitte an. Da, wo ich wirklich bin, vielleicht auch, wohin mich die Sehnsucht zieht. Die Sehnsucht – fast immer verkannt als göttliche Begleiterin.
Warum ist das mein Thema bei dieser Vernissage von Frau Husmann? Wie oft, wenn ich vor einem Bild stehe, erschließt es sich mir nicht gleich. Meine Seele muss den Zugang finden oder umgekehrt muss das Bild einen Zugang finden zu meiner Wesensmitte. Ich erzählte Frau Husmann von Else Lasker-Schüler, die manchmal, wenn sie ein Gedicht geschrieben hatte, zu ihren Freunden in der Nachbarschaft lief und sie fragte: „Was heißt das?“ Sie konnte ihr eigenes Gedicht nicht erklären. Es war in ihrer Wesensmitte geboren, aber ihrem Bewusstsein war es noch nicht verständlich.
Frau Husmann verstand das sofort. Sie sagte: „Wenn ich male, habe ich keinen Plan, habe keine Absicht. Es kann sein, dass eine Geste zum Auslöser wird, oder eine Melodie. Ich tanze manchmal, wenn ich malen möchte. Wichtig ist die innere Berührung. Sie ist die Intuition für das Schaffen und Gestalten. Wenn ich das richtig verstehe, lässt Frau Husmann sich führen, von dem, was innerlich in Gang gesetzt wurde. Die Grundhaltung scheint mir innere Aufmerksamkeit und Gehorsam zu sein, dem Impuls zu folgen. Eine Gefahr ist, sich dann doch einen Plan zu machen und dem folgen zu wollen. Dann ist die Gefahr groß, dass die Seelenquelle aufhört zu fließen. Der Kopf übernimmt das Kommando. Bei dieser Ausstellung begegnen uns vor allem Bilder, die spontan entstanden sind. Sie erwarten von uns, dass wir ihnen in ähnlicher Haltung begegnen: nicht denkend, sondern mit Empathie.
Auf das Titelbild möchte ich kurz eingehen.
Von unten links zieht sich ein dunkler Graben schräg zur unteren Bildmitte hin. Es könnte auch ein Grab sein. Ich finde darin Augen und Lippen und ein Gesicht. In der Verlängerung nach rechts ist der Graben geschlossen, man erkennt aber deutlich seinen Verlauf. Der Graben markiert ein helles Dreieck – vor allem dunkelgelb. An manchen Stellen sieht die Fläche verschmutzt aus. Das Licht wirkt in diesem Dreieck wie gefangen. Es gibt nur einen schmalen Übergang. Es sieht aus, als sei etwas zugeschüttet worden. Mit etwas Fantasie sieht man einen schwarzen Vogel ins Licht fliegen. Wie aufgescheucht. Wenn man dem Vogel folgt, kommt man zu einem Gebilde wie ein Blatt – zart grün, Struktur und Umriss wie ein Blatt, links davon Orange, das das Gelb überdeckt. Parallel zum Blatt etwas wie ein sich auflösender Balken. Von links schräg zur Mitte hin. Dadurch bekommt die untere Hälfte des Bildes eine breite Öffnung hin zum Licht. Mehr als ein Drittel des Bildes ist Licht, das nach oben hin immer heller wird.
Jetzt habe ich das Bild beschrieben. Damit ist nur der erste Schritt getan, der zweite ist, das Bild nach innen nehmen, ihm begegnen. Wenn ich das tue, spüre ich eine große Sehnsucht in mir, das, was tot ist und das, was nicht zum Leben führt, zu verlassen. Aus dem Graben heraus ins Licht zu gehen. Ich wünschte, dass das, was noch dunkel ist in mir oder was im Schatten liegt, ans Licht kommt. Ich weiß, dass das mühsam ist. Ich habe aber auch die Erfahrung gemacht, dass das möglich ist. Es ist wunderbar, wenn die Kammern des Inneren mehr und mehr durchlichtet werden. Wir kennen das an Menschen, die von innen her leuchten – ihr Gesicht leuchtet von Güte und Verstehen, von Geduld und Erbarmen – und oft sieht man noch den Schmerz, durch den der Mensch auf seinem Reifungsweg gegangen ist.
Wenn ich das Bild nach innen nehme, wird die Sehnsucht groß: werde Licht. Und ich sehne mich nach dem Ewigen, in dem wir vom göttlichen Licht durchflutet werden, wir werden, wozu wir berufen sind, zu Kindern des Lichtes.
Liebe Frau Husmann, Ihre Arbeiten werden viele bewegen. Da bin ich sicher.